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1948

Edgar Krebs

Zeit­zeugen­berichte

Heimkehrer

Edgar Krebs

Edgar Krebs beschreibt seine Heimkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft im Oktober 1948.

 

 

Edgar Krebs

Erinnerungen an Aufbruch und Heimkehr des 30931

Eigenverlag, Juni 2000

S. 228-240

 

 

 

 

 

Die Heimfahrt

 

Unter dem Steilhang, über dessen Brüstung wir auf die Stadt schauen konnten, ließen wir den Blick auf das Nebengleis des riesigen Güterbahnhofs der Stadt nicht aus den Augen. Dort wartete unser Zug, mit den beinahe schon zu bezeichnenden Waggons vierter Klasse!

Wie auch bei der Herfahrt, wurde die Reise unterbrochen. Lange Wartezeiten mußten wir auf Neben- oder Abstellgleisen in Kauf nehmen.

Endlich erreichten wir Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Mitgeteilt wurde uns, daß es hier zu einem mehrtägigen Aufenthalt käme. Und dort erlebten wir Sonderbares. Man führte uns in Gruppen auf eine hoch über der Stadt liegende Anhöhe, eher einem Aussichtspunkt, von dem aus wir über einen steilen Abhang hinunter blicken konnten auf die an sich wunderschöne Stadt, deren Kriegswunden aber noch nicht geheilt waren.

Dieser für uns völlig unvorhergesehene und unbeschreibliche Tag mit einem Gefühl eines Beinahe – Frei – Seins machte uns eigentlich froh und glücklich. Die Unterschrift unter das Papier war wohl doch richtig? lmposant war der Blick auf den Zusammenfluß der ukrainischen Ströme Dnepr und Dessna.

In den hereinbrechenden Herbstabend ruckte der Zug endlich wieder an. Auf dem Weg nach Kiew und auch entlang der Pripjetsümpfe, eigentlich durch die Ukraine und Weißrußland, zog sich ein breites Band noch deutlich erkennbarer Verwüstung und Zerstörung. Vielfach war auch unsere Bahnstrecke noch eingleisig gespurt, so mußten wir dem eigentlichen Zugverkehr im Landesinneren oft ausweichen und warten, nichts als warten. Und auch bis Brest begleiteten uns zerstörtes Kriegsgerät. Panzer, Geschütze, Lastkraftwagen und nicht zuletzt zerfetzte Lokomotiven und ganze Güterzüge warteten auf ihre Beräumung. Es war auch im ausklingenden Jahr 1948 immer noch ein Chaos. Beziehungen zu den Bewohnern hatten wir kaum, da unser Zug stets auf den weit von den eigentlichen Bahnhöfen auf Nebengleisen hielt. Die Eisenbahner selbst verrichteten ihren Dienst auch an unseren Waggons, ohne uns besonderer Blicke zu würdigen. Vor Abfahrt des Zuges aus der sowjetisch – polnischen Grenzstadt Brest stieg ein bewaffnetes Zugbegleitkommando in einen für sie angehängten Waggon, außerdem wurde befohlen, die breiten Waggontüren zu verriegeln. So begann die Fahrt durch Polen. Warschau umfuhren wir nördlich unmittelbar an der Stadt auf einem Umgehungsring und erreichten schließlich Bromberg. Es mögen etwa einhundert Meter gewesen sein, die uns dort während eines längeren Halts von einem in Gegenrichtung ostwärts fahrenden langen Güterzug trennten. Aus den kleinen fensterähnlichen Öffnungen unterhalb der Waggondächer reckten sich kahlgeschorene Köpfe, wurde eher traurig gewunken und teils auch gerufen. Deutsche Worte waren es, Wortfetzen, die wir jedoch im Lärm des Bahnhofs nicht verstehen konnten. Uns beschlich alle ein beklemmendes Gefühl. Wie sollten wir verstehen, daß Deutsche jetzt noch in Richtung Osten gebracht, oder gar verschleppt wurden ? Sahen wir doch auch, dass der Zug von sogar mit Schäferhunden begleitenden Posten, streng bewacht wurde. Erst später, als wir Frankfurt/Oder schon erreicht hatten, sollte das Geheimnis gelüftet werden. Endlich kam der Tag, an dem wir deutsches Reichsgebiet erreicht hatten. Jubel brach aus, als wir den Bahnhof Schneidemühl durchfuhren und auf Küstrin zudampften. Wie hatten wir diese zerstörte Stadt noch aus dem Winter 1944/45 in Erinnerung. Wochenlang war Küstrin, seit jeher eine bekannte Festungsstadt von den Sowjets belagert und schließlich unter großen Verlusten auf beiden Seiten genommen worden. Dieser Brückenkopf der Roten Armee war einer jener Ausgangspunkte, von denen aus der Stoß auf Berlin vorbereitet wurde. Ja, wir wähnten uns in Deutschland, waren jedoch immer noch in Polen. Die Beschlüsse der Alliierten, in Potsdam l946 getroffen, hatten uns im Lager noch nicht erreicht. Ostdeutschland gehörte jetzt von Breslau bis Stettin zu Polen. So erfuhren wir es von einigen Eisenbahnern, die kurz mit uns gesprochen hatten. Eigenartig war uns schon die Tatsache vorgekommen, daß auf den Bahnhofsschildern polnische Namen standen. Schneidemühl und auch Küstrin lasen wir nur an Nebengebäuden und über Verladerampen. Immer noch auf russischer Breitspur fahrend, dampfte unser Zug hinter Küstrin nach Süden und erreichte am frühen Morgen den Güterbahnhof Frankfurt. Hier wurden die Waggontüren endlich wieder geöffnet, und wir hielten. Jetzt waren wir in Deutschland. Unser Jubel richtete sich jedoch verhalten nach innen, denn auf einem langen Bahnsteig, der sicher eigens für unsere Gefangenenzüge angelegt war, wurden wir von vielen Gruppen sowjetischer Soldaten empfangen. In Reih und Glied hatten wir uns mit allem »Gepäck« aufzustellen. Es begann eine lange Wartezeit, bevor die Soldaten, zunächst das Waggoninnere durchforstet hatten. In dieser Zeit, während der keiner von uns auch nur ein Wort sprechen konnte, beobachteten wir gleich mehrere Züge mit ebenso aus den Fensterchen herausschauenden Männern, wie wir sie Tage zuvor beobachtet hatten Wir standen uns schweigend gegenüber. Jetzt ist es wohl Zeit, das Geheimnis zu lüften, das jene Geisterzüge gen Osten begleitete. Für einige Kameraden von uns sollte es auf grausamste Weise selbst zur Gewissheit werden! Unmittelbar nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und der Befreiung aller Häftlinge aus den Konzentrationslagern, waren zumindest einige, oder auch, alle Lager in der sowjetisch besetzten Zone für einen neuen Zweck bestimmt. In sie und auch neu eingerichtete Internierungslager, wie z.B. Mühlberg an der Elbe, kamen alle in großen Aktionen der Besatzungsmacht unter der Leitung des sowjetischen Geheimdienstes verhafteten Deutschen, die sie als Aktivisten des Nationalsozialismus bezeichneten. Dazu gehörten alle aktiven NSDAP-Leute, Polizisten, Leiter der NS-Organisationen bis zu jenen, die der Mitgliedschaft zur NS-Organisation »Werwolf« bezichtigt wurden. Das waren beinahe alle zu diesem Dienst verpflichteten Hitlerjungen ab dem I4. Lebensjahr.

Und jene, die Buchenwald, Oranienburg und Mühlberg überlebt hatten, kamen jetzt in die Lager des GULAG und sollten dort noch viele Jahre bleiben.

 

8. Wieder unter Waffen

 

In der Heimat – aber nicht zu Hause

 

Nachdem die sowjetischen Kontrolleure den Zug verlassen hatten, wandten sie sich uns zu. Wir hatten ja sofort erkannt, aus »welcher Richtung« das Durchsuchungskommando kam. Es war »blaubebändert«, die Uniformmützen und Schulterstücken lüfteten das Geheimnis – der Geheimdienst hatte uns wieder ! Ich hatte, und das ohne jeden Argwohn, beim Verlassen des Lagers in lrmino außer meinem »Zivilanzug« und den im Sonderlager käuflich erworbenen Sachen ja noch viel wichtigere Dinge, ja geradezu Schätze bei mir. Sie wollte ich unbedingt mit nach Hause zu den Lieben bringen. Sämtliche Antwortkarten und später auch viele Briefe hatte ich sorgsam aufbewahrt. Dazu gehörten auch die schönen Fotos von den Lieben. Ein Foto hatte es mir jedoch besonders angetan. Das wollte ich unter allen Umständen mit nach Hause bringen. Es sollte der Bildbeweis dafür sein, wie ich in der schlimmsten Zeit meiner Lagerfron fast verhungert und abgemergelt, ausgeschaut hatte. An anderer Stelle vermerkte ich bereits, daß im Jahre 1946 von allen Lagerinsassen Paßfotos für unsere Personalakten gemacht wurden. Und ein solches Foto, wie seinerzeit auch immer, hatte ich in meinem Besitz bis zu jenem Zeitpunkt, als die Leibesvisitation am Bahnsteig begann. Vor Wut trieb es mir fast die Tränen in die Augen. Wer von uns allen kannte eigentlich noch Tränen? Sie waren längst versiegt, viele Jahre zuvor, als ich Abschied von meinen Lieben 1944 genommen hatte.

Und jetzt Rührung zeigen vor jenen, die uns jeden Brief, jedes Foto abnahmen, nein, das konnte es nicht geben. Ich kann ihnen das weder verzeihen, noch werde ich es je vergessen!

Damit aber noch nicht genug. Zurück gingen auch unsere im Lager neu gefaßten Wattejacken und jene Bekleidungsstücke sowjetischer Herkunft, die man eben zur Bedeckung des Adamskostüms braucht. Bis, ja bis auf die Unterwäsche. Und wir, die wir unsere eigenen Zivilkleider bei uns trugen, durften in sie hineinschlüpfen und trugen sie fortan bis Fürstenwalde. Aber ich will diesem Spektakel

vorgreifen. Auf Karren wurden dann unsere letzen Habseligkeiten davongetragen und damit auch mit viel Wehmut mein Lagerfoto aus Irmino. Es hätte auch aus einem deutschen KZ sein können! Keiner von uns hatte mit einer solchen Maßnahme gerechnet. Wer weiß, wohin wir, sonst die Sachen versteckt hatten. Nach und nach wurde uns allen bewußt, daß wir ja völlig entgegen aller uns bekannt gewordenen Informationen über den ersten Ankunftsort in Deutschland, nicht nach Gronenfelde bei Frankfurt, sondern direkt in die Stadt an der Oder gebracht worden waren.

Schließlich entfernten sich die Durchsucher. Und aus einer gewissen Entfernung näherten sich uns Männer in schwarzen Uniformen. Das konnte es doch nicht sein, sie sahen besonders auch in ihren Schaftstiefel der SS frappierend ähnlich. Ihre nach außen hin getragene militärisch anmutende Strenge legte sich, als sie uns recht freundlich begrüßten und sich als Angehörige der Volkspolizei vorstellten. Als, wie sie sagten, VP der Ostzone. Und zu ihr würden wir ja nun auch alsbald gehören.

Erstmals hatten wir uns nach Jahren Wieder in Dreierreihen zu formieren. Und dabei hatten wir uns doch so sehr an das »po Pjat«, an das »Zu Fünft« gewöhnt! Nach Aufnahme meines jetzt so jämmerlich verkümmerten Gepäcks marschierten wir eine längere Wegstrecke fernab des zivilen Stadtverkehrs und hielten vor den Toren einer Kaserne, es war die frühere Hindenburg – Kaserne in Frankfurt/O. mit unserem Trott inne. Hatten wir jetzt alles hinter uns gelassen, waren wir wirklich in der Heimat ?, wir konnten es eigentlich noch gar nicht fassen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl endlich frei zu sein. Um uns herum keinen Stacheldraht zu sehen, keine Maschinenpistole auf

uns gerichtet zu spüren. Aus meinen Gedanken herausgerissen wurde ich durch die Aufforderung eines offensichtlich für uns verantwortlichen Polizeioffiziers, in den Kasernenhof zu marschieren.

Bemerkenswert war schon, daß die Polizisten die gleichen Schulterstücke trugen, wie wir sie auch aus der Wehrmachtszeit noch kannten. Demnach war einer der Polizisten ein Leutnant. Über dem Mützendach war die Silberkordel und die Schulterstücken waren die eines Leutnants. Na, so schlimm kann doch die Sache nicht werden, waren damit so meine Gedanken. Und so nahmen dann an diesem Tag, der für mehrere unserer Kameraden zum Schicksal werden sollte die Dinge ihren Lauf.

Im Inneren der Kaserne fanden wir uns an einer sehr langen Tischreihe wieder. Dahinter saßen schwarzberockte Polizistinnen Es waren die ersten deutschen Frauen, die ersten Mädchen, die wir auch so plötzlich vor uns sitzen sahen. Gott sei Dank verdeckten unsere Wehrmachtsmützen den noch allzu spärlichen Haarwuchs. Von der Kahlschur bis jetzt waren ja erst vier Wochen ins Land gegangen. Meldete sich da schon die erste Eitelkeit? Wieder mußten wir uns alphabetisch vor den Tischen einordnen und ansehen, wie die Polizistinnen vorgedruckte Bogen in ihre Schreibmaschine

spannten. Mit einem neugierigen Blick hatte ich erkannt, daß das Wort »Urkunde« in der oberen Hälfte des Bogens stand.

Und jetzt sahen wir sie wieder, unsere Personalakten aus dem Sonderlager, wie sie alphabetisch geordnet zu unseren Tischen gebracht wurden. Danach folgte eine kurze Ansprache eines sicher doch verantwortlichen Offiziers mit dem deutlichen Hinweis darauf, daß wir mit unserer Unterschrift unter die Urkunde Angehörige der Volkspolizei der Ostzone nach den Bestimmungen der Polizeibehörde im Lande seien.

Alles war nach deutscher Gründlichkeit exakt vorbereitet. Federhalter und Tintenfaß standen an den Tischen bereit. Schnell war der Vergleich mit der Personalakte und jedem von uns vollzogen. Die Unterschrift konnte geleistet werden, war sie verhängnisvoll, bedeutete sie ein neues Leben, eines, das auch für mich nicht vorgesehen war? Wir ergaben uns der Ungewißheit! Eines war Gewißheit, wir waren zu Hause. Doch plötzlich wurden in diesem jetzt schon beinahe formalen Akt hinein Stimmen laut. Deutlich hörten wir Kameraden sagen: »So, jetzt können uns die Russen mal!, jetzt bin ich in meinem Deutschland, jetzt mache ich, was ich will. Dienst. in der Polizei kommt für mich nicht in Frage.« Unseren beinahe lieb gewordenen Kameraden Herbert Stiller aus unserem Lager in Irmino hörte ich rufen: »Auf mich wartet das Theater in Berlin, wartet das Kabarett, meine Unterschrift bekommt ihr nicht«. Herbert Stiller gehörte im Lager zu den Exponenten der Theatertruppe und bereitete uns mit Charme und Witz doch im schlimmen Alltag frohe Stunden. Nun schien seine Zeit in der Freiheit endlich gekommen zu sein. ln das aufkommende Stimmengewirr hinein forderte ein Polizeioffizier mit energischer Stimme: »Alle Kameraden, die ihre Unterschrift nach nochmals reiflichem Überlegen nicht leisten und damit. ihre in den Lagern gegebenen freiwilligen Verpflichtungen zurückziehen, treten fünf Schritte zurück!« Ich schaute mich mit vielen anderen Kameraden nach ihnen und besonders nach Herbert Stiller um, der auch zurückgetreten war. Was würde mit ihnen geschehen? Jetzt hatte auch ich unter dem wirklich freundlichen Lächeln einer Polizistin meine Unterschrift zu leisten. Mit einem »Dankeschön« war ich wohl in die Reihen der Polizei aufgenommen.

Doch jetzt geschah Unfassbares, aus dem Kasernengebäude marschierten in betont militärischem Schritt und Maschinenpistolen vor der Brust russische Soldaten. Sie gingen auf die Kameraden zu, die sich der Unterschrift widersetzt hatten. In mehr als nur barschem Ton und gebrochenem Deutsch und dazu noch mit Drohgebärden ließen sie unsere erschüttert wirkenden Kameraden erneut antreten und führten sie regelrecht ab.

Wir überstürzten die Polizistinnen mit Fragen, die sie auch nicht beantworten konnten oder durften schließlich erfuhren wir kurz vor Abfahrt in eine auch für uns wieder ungewiß gewordene Richtung, daß man unsere Kameraden zum Bahnhof geführt und dort in einen jener geworfen habe, die mit den Unglücklichen aus den sowjetischen Internierungslagern wieder zurück in die Lager kamen. Welch ein Unglück für sie, welch eine Schmach. Was mag in ihnen vorgegangen sein? Es ist wohl nicht nachzuempfinden.

Und wir konnten nichts tun, uns blieb nur zu schweigen. Angst und Furcht kroch in uns hoch. Herbert Stiller überlebte auch seine zweite sicher noch furchtbarere Gefangenschaft und kehrte 1953 nach Berlin zurück. Ungebrochen war sein Mut, allen zum Trotz hatte er den GULAG zum zweiten Male besiegt und trat in der Masurenallee im Berliner Rundfunk auf. Dann ist plötzlich Ruhe um ihn geworden. Zu unseren Lagertreffen ab dem Jahr 1990 ist er nicht erschienen.

 

 

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